Erinnerungen an die Spit RS 1984

Von Hptm Asg Werner Ammeter

Als ich vor 36 Jahren die Winterrekrutenschule 1984 in Bressonnaz (Moudon) absolvierte, befanden wir uns mitten im Kalten Krieg. Er prägte unseren Lebensalltag. Die Kommunisten waren die Bösen und wir im Westen die Guten. Michail Gorbatschow sprach zwar von «Perestroika» und «Glasnost» – aber niemand verstand ihn so recht. Dafür propagierte Ronald Reagan sein Weltraumwaffenprogramm. Das Wettrüsten war im vollen Gang.

Werner Ammeter während seiner Zeit in Moudon im Jahr 1984 und heute.

Im Fernsehen konnten wir verfolgen, wie die Sowjets in Afghanistan gegen die Muddschahedin und die Amerikaner auf der Seite der Muddschahedin gegen die Sowjets kämpften. In den Ferien standen wir am «Eisernen Vorhang» und gafften nach Osten oder feierten Neujahr in Moskau.

Niemand rechnete damals mit dem Fall der Berliner Mauer oder dem Ende des Kalten Krieges. Im Gegenteil: Wir alle waren stolz auf unsere atomsicheren Schutzräume im Eigenheim und horteten Notvorräte, mit denen wir ganz Afrika hätten ernähren können.

Eine Besonderheit in der RS damals war, dass wir den Russen erwarteten. Sein Angriff wurde via Österreich über den Bodensee erwartet. Zum anderen probten wir das Überleben im Falle eines atomaren Angriffs. Dazu warfen wir uns regelmässig auf Kommando hinter Betonmauern und verspeisten wöchentlich unsere Atombrote.

Die meisten Eindrücke, die mir von damals geblieben sind, drehen sich um die Ausbildung in der kalten Jahreszeit, den Ausgang – und den 30 Kilometer Marsch. Es war Abend und es war kalt, als wir aufbrachen. Die Vollpackung war noch leicht zu tragen, der Vorrat mit Getränken und M&M gut aufgefüllt. Guten Mutes schritten wir durch die winterliche Landschaft in die Dunkelheit. Gegen 0200 sollten wir das Biwack erreichen. Wir sprachen angeregt miteinander, naschten von den Vorräten oder genossen die Stille der Nacht. Was wir jedoch nicht wussten: Der Zugführer mit der Karte konnte nicht kartenlesen! Und da niemand von uns die Gegend kannte und es noch keine Handys gab, kam niemand auf die Idee, dass wir völlig falsch unterwegs waren. So stampften wir unnötig durch schneeverwehte Wiesen, torkelten über das Wurzelwerk von dichten Wäldern und näherten uns in einem weiten Bogen unserm Ziel. Aus den 30 Kilometern wurden plötzlich 46. Aus 0200 wurde 0500. In der frühen Morgenstunde erreichten wir hungrig und durstig den Ort, der für das Biwak vorgesehen war. Mit klammen Fingern knüpften wir noch die Plachen zusammen, deckten vorne und hinten mit Tannzweigen ab, hängten die Laterne mit der brennenden Kerze im Zelt auf und flüchteten uns hungrig und durstig in den Schlafsack. Kaum liess sich der erste Sonnenstrahl sehen, fuhren die Lastwagen vor und es ging wieder zurück in die Kaserne.

Wir waren ziemlich wütend auf den Zugführer. Nicht, weil er uns falsch geführt hatte, das kann ja mal passieren. Aber er hat nichts gesagt. Er gab sich den Anschein alles im Griff zu haben und bat niemanden um Hilfe. Wäre er nicht so stolz gewesen oder hätte er nicht Angst gehabt sein Gesicht vor uns zu verlieren, so hätte ihm – und uns allen – geholfen werden können. Was ich für mich damals als Lehre mit ins Leben nahm: Lieber mal Rat und Hilfe suchen und dafür zur rechten Zeit ans Ziel kommen, ohne unnötig viel zu leiden.