Armeeseelsorge: Soviel Bedarf wie sonst in einem Jahr

Bis vor Kurzem galt es als ausgemacht, dass die Schweiz zwar eine Armee hat, diese aber mit Sicherheit nicht aufgeboten werden muss. Der Russe kommt nicht mehr. Wer von Mobilisierung sprach, wurde mild belächelt.

Anfang Mai 2020 erhielt ich von einem militärischen Vorgesetzen eine Email, die folgendermassen begann: «Lieber Lukas, Seit dem 2. Weltkrieg seid Ihr die ersten Angehörigen der Armeeseelsorge, die mobilisiert werden.»

Das Vaterland ruft. Wie lange ich bleiben muss, war lange unklar. Auf dem Marschbefehl steht «Entlassung aus dem Assistenzdienst erfolgt gemäss besonderem Befehl des Kommandanten.» Die Menschen in unserem Land klagen über die Qual der häuslichen Isolation; ihnen droht die Decke auf den Kopf zu fallen – ich habe den Lockdown verpasst: Langeweile? Einsamkeit? Fehlanzeige. Die Zeit verbringe ich gemeinsam mit zahlreichen Kameraden; ich tröste Soldaten, die von ihren Familien getrennt sind; meine Tage verbringe ich unter der Hitze der Sonne, meine Mahlzeiten nehme ich im Beisein dutzender Schicksalsgenossen ein. Ich sehne mich danach einmal 20 Minuten allein sein zu können.

Seit die Urlaubssperre aufgehoben wurde, ist es etwas lockerer geworden. Doch ansonsten gilt: Je schlechter es der Truppe geht, desto mehr hat der Armeeseelsorger zu tun. Man nehme eine Menge junger Männer, rufe sie per SMS zu den Fahnen, verbiete ihnen, am Wochenende nach Hause zu fahren und rede von ungewisser Dauer dieses Dienstes. Das Ergebnis sind so viele Seelsorgegespräche an einem Tag, wie sonst in einem Jahr. Daher wurde ich auch zeitweise mit bis zu sechs Kameraden verstärkt, die mich in der Betreuung meines Bataillons unterstützten. Normalerweise sind Armeeseelsorger Einzelkämpfer. Nun haben wir ein Team gebildet und geniessen die enge brüderliche und kameradschaftliche Verbundenheit und freundschaftliche Zusammenarbeit.

Das Ergebnis sind so viele Seelsorgegespräche an einem Tag, wie sonst in einem Jahr.

Hptm Lukas Michel, Armeeseelsorger

In gewöhnlichen Zeiten zerstreuen sich die Soldaten am Wochenende in alle Winde. Nun feiern wir jeden Sonntag militärische Gottesdienste. In Zeiten, in denen das im Zivilen nicht mehr möglich ist, kommt diesen besondere Bedeutung zu. Wir kommen – unter Einhaltung der Hygienevorschriften – zusammen, verbringen eine einfache, bescheidene Feier und beten für unsere Familien, die Menschen in unserem Land und unsere Regierung und die über uns gestellten Verantwortungsträger. Wir alle kehren verändert aus Diesem Dienst zurück. Am Ende sind wir traurig, dass wir uns verabschieden müssen. Ich danke allen meinen Kameraden aus dem Spit Bat 5 für die wunderbare Zeit, die ich mit ihnen verbringen durfte.

Text & Bild zvg durch Hptm Lukas Michel, Armeeseelsorger Spit Bat 5.